Wer ist Johann Gluck? Eine Spurensuche

von Jonathan Resch

Zahlreich sind die Spuren, die Christoph Willibald Gluck in Plastik und Bildhauerei hinterlassen hat. Überlebensgroße Standbilder des Komponisten finden sich auf dem Münchener Odeonsplatz ebenso wie in Erasbach, einem Ortsteil von Glucks beschaulicher Heimatgemeinde Berching in der Oberpfalz.

Doch auch in zwei der berühmten vaterländischen Monumentalbauprojekte König Ludwigs I. von Bayern, dessen Regentschaft zwischen 1825 und 1848 der landeshistorischen Forschung heute gar als „Kunstkönigtum“ gilt, hat Gluck als bedeutender Opernreformator zumindest zeitweise Eingang gefunden. So entdeckt der interessierte Besucher im „Pantheon der Teutschen“, der antikisierenden Walhalla bei Donaustauf, heute eine von Johann Heinrich Dannecker gestaltete Büste Glucks – eingerahmt von dem Preußenkönig Friedrich II. sowie Gideon Ernst von Laudon, einem hochdekorierten k.u.k.-Feldmarschall des 18. Jahrhunderts.

In der den Granden der bayerischen Geschichte gewidmeten Ruhmeshalle auf der Theresienwiese in München hingegen fällt lediglich die an der rechten Flügelwand angebrachte Gedenktafel auf: Sie erinnert an einige, durch Weltkriegsschäden 1944 verlorene Büsten, darunter auch jene eines Tondichters „Johann Christoph v. Gluck“.

Doch wer ist „Johann Gluck“? Wohl kaum kann er identisch sein mit unserem Schöpfer der beiden Iphigenien, dem Nestor einer gänzlichen neuen operngeschichtlichen Entwicklung, der doch bekanntlich die prägnanten die prägnanten Vornamen „Christoph“ und „Willibald“ führte. Und doch kann es nur dieser Gluck sein, der Anspruch darauf erheben könnte, in den illustren Büstenkreis der Münchner Ruhmeshalle aufgenommen zu werden.

Handelt es sich also um eine Verwechslung, einen buchstäblich in Stein gemeißelten historischen Irrtum? Eine einfache Internetrecherche erweist sich – abgesehen von der Kennern wohl nicht neuen Erkenntnis, dass ein Vorfahre Bachs dieselben, fälschlich Gluck attribuierten Vornamen „Johann Christoph“ trug – als wenig ergiebig. Auch der aktuelle „Amtliche Führer für Ruhmeshalle und Bavaria“ vermag kaum Aufschluss zu geben.

Entscheidende Indizien liefert hingegen eine 1844 im „Extra-Abdruck aus den Kalendern für katholische Christen“ publizierte Baubeschreibung von Ruhmeshalle, Bavaria und Walhalla. Hier weist der Verfasser mit spitzer Zunge darauf hin, der „irrthümlich für den Tonsetzer gehaltene“ Johann Christoph Gluck sei tatsächlich ein 1700 im oberpfälzischen Neustadt an der Waldnaab geborener Onkel Glucks.  Tatsächlich hatte bereits der österreichische Hofbeamte und Privatforscher Aloys Fuchs in den 1830 er-Jahren auf dieses Missverständnis hingewiesen. Akribisch aufgearbeitet wurde der Sachverhalt dann mit der ersten, 1854 erschienenen Gluck-Biographie des Wiener Hofbibliothekars Alois Schmid: Er führte die Falschangaben auf einen 1831 in der „Allgemeinen Bürger- und Bauernzeitung“ veröffentlichten Taufschein zurück, der, so Schmid, „durch sein urkundliches Ansehen“ allenthalben und „fast unausrottbar“ Anerkennung fand. Schmid gelingt es sodann, in einer komplexen, aber schlüssigen Argumentationsführung das tatsächliche Geburtsjahr 1714 ebenso wie die korrekten und uns heute geläufigen Vornamen Glucks zu belegen.

Gluck selbst, in seinem Wesen zwar durchaus geltungsbewusst und strebsam, aber ebenso von einer jovialen Bonhomie, hätte über diese wirkungsreiche Verwechslungskomödie wohl lächeln können – schließlich hat er mit Metastasios „Semiramide Riconosciuta“ und vor allem der taurischen „Iphigénie“ gleich mehrere Sujets auskomponiert, in denen Verkleidung, Verwechslung und Anagnorisis zur zentralen Handlungsperipetie avancieren. Zudem zeugt von allen Irrungen und Wirrungen heute nur noch die beschriebene unscheinbare Gedenktafel mit verblassenden Lettern. In der Walhalla hingegengibt Danneckers Büste den Namen korrekt an. Oder zumindest fast: Der Schriftzug „Christoph Gluck“ ist dort ins marmorne Postament eingeprägt.

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