Gluck UND…?
Stellung und Rang Christoph W. Glucks innerhalb der Musikgeschichte sind in kundigen Lehrbüchern oder Lexika nachzulesen. Doch welcher Natur ist Glucks Verhältnis zu
(kon-)genialen Zeitgenossen und geistesgeschichtlichen Erben? Einige Kurzporträts.
von Jonathan Resch

Gluck UND Goethe
1779 ist das Jahr der Iphigenie: In Weimar bringt der Geheimrat und nebenberufliche Theaterdichter Johann Wolfgang Goethe in Weimar die Prosafassung seiner „Iphigenie auf Tauris“, rund einen Monat darauf feiert Glucks „Iphigénie en Tauride“ in Paris Premiere. Begegnet sind sich die beiden Männer nie. Wohl wusste auch, wie Alfred Einstein bemerkt, Gluck „so wenig von Goethe, als Goethe von Gluck“. Doch noch 1786, nicht allzu lange vor dem Tode des Komponisten, lässt sich Goethe, so berichtet er in einem Brief an seinen Hauskomponisten Kayser, den er gerne als Schüler Glucks positioniert hätte, von den „merckwürdigen“ Rhythmen der Gluckschen Klopstock-Vertonungen anregen.
Gluck UND E.T.A. Hoffmann
Nur wer die Kategorisierung Glucks als Klassizisten aufgibt, begreift die intensive Rezeption seiner Werke in der Romantik. Ein literarisches Denkmal hat der spätromantische Schriftsteller E.T.A. Hoffmann, selbst ein begabter Komponist, dem Schöpfer des „Orpheus“ in seiner Erzählung „Ritter Gluck“ gesetzt, an deren Ende Gluck selbst mit zerstreut-phantastischer Grandezza auftritt. An einer Stelle lässt Hoffmann eine Figur sprechen: „Indessen, man tut doch alles, um Glucks Werk zu heben.“
Gluck UND Franz Schubert
Was verbindet Christoph W. Gluck, jenen mondänen „Operisti“, mit dem als Liedkomponisten zwar epochalen Franz Schubert, der mit seinen Bühnenwerken gleichwohl bis in die Gegenwart nie zu reüssieren vermochte? Mitunter ist Schubert als ein „Enkelschüler“ Glucks bezeichnet worden. Der Veneter Antonio Salieri, von Puschkin bis Forman als möglicher Mörder Mozarts desavouiert, war in jungen Jahren Protegé Glucks, als arrivierter Hofkapellmeister dann ein Lehrer des jugendlichen Schubert. Wesentlich ist für beide Komponisten jedenfalls das Verhältnis von Wort und Musik – ob auf der Opernbühne oder im Kunstlied. Doch auch in einem überzeitlich-geographischen Sinne sind Gluck und Schubert einander nahe: Ihre jeweilig letzten Wohn- respektive Sterbehäuser liegen heute beide im IV. Wiener Bezirk und sind nur rund zehn Gehminuten voneinander entfernt.
Gluck UND Richard Wagner
Dass Richard Wagner Glucks “Iphigénie en Aulide” neu instrumentiert und auch mehrfach erfolgreich als Dirigent zur Aufführung gebracht hat, darf als gemeinhin bekannt gelten. Doch noch in anderer Hinsicht ist Gluck für den Visionär des Gesamtkunstwerks eine Art Schicksal: Sein Dresdner Dienstherr, der sächsische König Friedrich August, ist ein frenetischer Anhänger Glucks – und als Wagner und sein Lebensmensch, die spätere Ehefrau Cosima, verheiratete von Bülow, sich während einer folgenschweren Kutschfahrt das geistige Jawort geben, dirigiert ihr damaliger Gatte gerade Glucks „Paride ed Elena“.
Gluck UND Adriano Celentano
Man mag putativ jede Verbindung zwischen Christoph W. Gluck und der Italo-Rock-Koryphäe Adriano Celentano („Azzurro“) ausschließen. Tatsächlich ist eine musikalische Beeinflussung Celentanos durch den „Ritter Gluck“ wohl kaum nachzuweisen. Mit der autobiographischen Single ‚Il ragazzo della via Gluck‘ widmete Celentano, der in einer nach Gluck benannten Mailänder Straße aufgewachsen war, dem Komponisten 1966 dennoch gewissermaßen ein ganz eigenes Lied. Und auch für Gluck ist Mailand eine Stadt der frühen Reife – hier feierte der damals Siebenundzwanzigjährige die Uraufführung seiner wohl ersten Oper ‚Artaserse‘.
