Die Verbindung zwischen dem Patriarchat in ‚Iphigenie in Aulis‘ und in unserer aktuellen Gesellschaft
von Catherine Baracat

Anselm Feuerbach: Iphigenie (Zweite Fassung 1871)
In der Tragödie ‚Iphigenie in Aulis‘ des Euripides soll Iphigenie brutal geopfert werden, um die Göttin Artemis zu besänftigen und den Aufbruch der griechischen Flotte zu ermöglichen, die nach Troja segeln soll, um Helena zurückzuholen – eine Frau, die von Menelaos als sein Besitz betrachtet wird.
In diesem Ereignis erkennen wir zwei prägnante Beispiele des Patriarchats: den Einsatz von Iphigenies Körper als bloßes Opferobjekt und die Suche nach der „Rettung“ Helenas, deren eigener Wille von den Männern ignoriert wird, die für sie entscheiden. Dadurch entstehen unvermeidliche Fragen: Wäre Iphigenie geopfert worden, wenn sie ein männlicher Thronerbe gewesen wäre? Oder macht sie die Tatsache, dass sie eine Frau ist, in den Augen der sozialen Konvetion zu einem entbehrlichen Körper? Die Frau, so eine Lesart, muss den Männern stets dienen, als moralisches Fundament der Gesellschaft, jedoch ohne eigene Stimme oder Handlungsmacht. Am Beispiel Iphigenie zeigt sich das Patriarchat besonders deutlich: Frauen sollen zustimmen, sich unterordnen und sich für eine von Männern beherrschte Gesellschaft opfern. Iphigenie wird nicht als Mensch wahrgenommen, sondern als Mittel zum Zweck. Ihr Körper wird instrumentalisiert, um politische und militärische Ziele zu erreichen, während ihre individuellen Wünsche keine Rolle spielen. Nachdem sie ihre Funktion erfüllt hat, kann sie aus dem öffentlichen Raum verschwinden, ohne dass die bestehende Ordnung grundlegend infrage gestellt wird.
Die Parallele zur heutigen Gesellschaft ist offenkundig. Noch immer werden viele Mädchen im Kindesalter zur Ehe gezwungen und von ihren eigenen Familien wie Tauschware behandelt. Alarmierende Femizidraten zeigen, dass Frauen in vielen Kontexten weiterhin als Objekte betrachtet werden, die dem männlichen Vergnügen oder der männlichen Kontrolle dienen sollen. Nach Angaben von UN Women wurden im Jahr 2024 weltweit etwa 50.000 Frauen und Mädchen von ihren Ehemännern oder anderen Familienmitgliedern getötet, das entspricht einer Frau alle zehn Minuten. Demgegenüber wurden nur rund 11 % der Männer von Ehefrauen oder Familienangehörigen getötet. Das eigene Zuhause kann für Frauen ein sehr gefährlicher Ort sein.
Wie lange werden diese Stimmen noch zum Schweigen gebracht? Wie lange werden wir uns hinter gesellschaftlichen Rechtfertigungen verstecken?
So wie Iphigenie manipulativ dazu gebracht wurde, zu glauben, dass ihr Opfer einem ‚höheren Wohl‘ Griechenlands diene, werden auch heute viele Frauen dazu gedrängt, Gewalt im Namen von Traditionen, familiärer Ehre oder patriarchalen Erwartungen zu akzeptieren. Der Mythos hallt, leider, noch immer in der Realität wider.
Eine Figur, die in diesem Zusammenhang auf keinen Fall unbeachtet bleiben darf, ist Klytämnestra – Frau, Mutter und Königin, die in eine Rolle gedrängt wird, auf die sie keine dieser Identitäten vorbereiten konnte. Ihr Ehemann Agamemnon, der sich das eheliche Vertrauen und die Loyalität zunutze macht, die ihm sowohl die Ehe als auch der Thron garantieren, zögert nicht, sie zu täuschen, um das zum Opfer zu erbringen, was ihr am kostbarsten ist: Die eigene Tochter, das eigene Blut. In dieser Handlung liegt eine Gewalt, welche die politische Sphäre überschreitet und in das Innerste eindringt, denn die Mutter wird nicht nur der Wahrheit beraubt, sondern auch des Rechts, auf sie zu reagieren.
Als Ehefrau wird Klytämnestra an ihren Platz erinnert; als Untertanin wird sie zum Schweigen verpflichtet. Ihr Wort findet kein Echo, ihr Schmerz keinen Zeugen. Die Gestalt des Ehemanns verwandelt sich dort in die des Souveräns, und diese symbolische Metamorphose fesselt sie an ein Schicksal, das sie nicht gewählt hat. Dennoch bleibt sie, trotz der durch Verrat zugefügten Wunde und der nagenden Angst, bis zum letzten Funken Hoffnung an der Seite Iphigenies und stützt die Tochter im Augenblick, in dem die väterliche und königliche Anordnung sich als endgültiges Urteil durchsetzt.
Dieser mütterliche Gestus, bis zum Ende zu bleiben, hallt weit über die mythische Szenerie hinaus. Er findet Resonanz in unserer eigenen Gesellschaft, in der zahlreiche Frauen, obwohl sie ihre Kinder neun Monate lang im eigenen Leib tragen und die physische wie emotionale Last der Mutterschaft schultern, ihre Stimme auf den zweiten Platz verwiesen sehen. Noch heute stellt sich in vielen Haushalten der Vater, bewusst oder unbewusst, an die symbolische Stelle des Königs und hält sich für den Träger der letzten Entscheidung, als sei die männliche Autorität eine natürliche Erweiterung der Macht.
Wie Klytämnestra sehen sich viele Mütter gezwungen, mit der Auslöschung ihrer Entscheidungen und Meinungen zu leben, während sie in stillem Mut weitertragen, was ihnen auferlegt wird.
