Intendanz

Liebe Besucherinnen, liebe Besucher,

manchmal gibt es im Leben ganz unerwartet großartige Entdeckungen.

Nach über 30 Jahren meiner weltweiten Tätigkeit erlebe ich die Beschäftigung mit der Musik Glucks, aber auch und speziell mit seiner faszinierenden Persönlichkeit, als eine solche Entdeckung. Die Geistesgröße, die seelische Tiefe und Wucht dieses großartigen musikalischen Kosmos, dazu die humanistische Haltung und damit die Aktualität von Glucks Werk für unsere heutige Zeit – das ist eine wundervolle Überraschung, die ich nicht erwartet hätte!

Gluck ist ein gefeierter Säulenheiliger, dessen Büste von Amsterdam über Zürich bis Graz, in Paris wie in Italien in nahezu jedem historischen Konzertsaal, jedem historischen Opernhaus steht. Gluck ist zweifelsohne ein hochverehrtes Mitglied im musikalischen Olymp. Und dennoch ist er auf den Spielplänen des 20. und 21. Jahrhunderts nur sporadisch vertreten.

Woran kann das liegen? Ich denke hier an eine Aussage von Gluck selbst: Er sagt, dass für die Einstudierung einer neuen Oper die Präsenz des Komponisten so notwendig sei wie die Sonne für die Natur. Gluck wusste ja, wie es klingen sollte, und brauchte deshalb vieles nicht zu notieren. Die emotionale Kraft und die Mittel, die sie erfordert, sind ohnehin weitestgehend nicht notierbar– sie können nur im Augenblick erschaffen werden. Zeitgenossen berichten von einem glühenden, tobenden, emphatischen Künstler, der jenseits von Gefälligkeit und Schönklang alle Tiefen menschlicher Emotionen erlebbar machen wollte.

Jede Aufführung seiner Werke braucht genau diese Ekstase, braucht die Emotionen, um aus den bewusst einfach gehaltenen Partituren zu voller Kraft und Wucht aufblühen zu können.

Natürlich haben auch wir Christoph Gluck nicht in personam bei uns – dennoch bin ich überzeugt, dass genau das den Festspielen gelingen kann: Ein Experimentierfeld auf allerhöchstem Niveau zu sein, ein Labor für die Wiederentdeckung der künstlerischen Kraft, des schöpferischen Feuers und des faszinierenden Zaubers dieses vielleicht wirkmächtigsten Komponisten unserer Heimat.

Die Festspiele beginnen diese Reise zur Wiederentdeckung Christoph Glucks am Wochenende 29. April bis 2. Mai 2021 und danach, in weiter gefassten Festspielen, in Amberg, Bayreuth, Castell, Erlangen, Fürth, Lehrberg, Nürnberg und anderen Orten der Metropolregion, in der ersten Hälfte des Mai 2022.

Unsere Zusammenarbeit umfasst Partner wie das Tanztheater Wuppertal Pina Bausch, Samuel Mariño, den wohl fulminantesten männlichen Sopran unserer Zeit, den wundervollen Julian Prégardien, die Sängerlegende Anja Silja, das so ergreifend wie humorvoll musizierende Calmus- Ensemble, natürlich auch einige der besten Orchester der Barockszene und viele andere mehr. Gemeinsam werden wir der Kraft der musikalischen Sonne nachspüren, mit der Gluck seine Zeitgenossen, aber auch nachfolgende Generationen (Berlioz, Wagner, Strauss) in seinen Bann gezogen hat.

Glucks Werk ist ein Eldorado für jeden Musikliebhaber und er steht zugleich für das Beste, was unsere Gesellschaft sein kann, für Humanismus, für Wahrhaftigkeit, für menschliche Größe. Es interessiert uns nicht, Festspiele wie eine Vitrine zu betreiben, in der man schöne Raritäten ausstellt. Wir wollen einen Beitrag dazu leisten, dass Kultur reflektiert, wie wir heute und morgen leben wollen. Denn ich glaube: Wir brauchen Gluck in unserer Zeit!

Ich freue mich, wenn ich Sie auf diese Expedition mitnehmen darf.

Ihr Michael Hofstetter

michaelhofstetter.com | Vita und Pressestimmen